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Das Stadtquartier als Tatort

Foto des Marktplatzes in Weimar Gespräche im öffentlichen Raum (Quelle: Bundesregierung)

Der demografische Wandel hat massive Auswirkungen auf die Lebensbedingungen in unseren Städten. Ein grundlegender Umbau ist erforderlich, um städtische Strukturen und Angebote an die künftige Situation anzupassen. Die damit verbundenen Veränderungen müssen stets so konzipiert werden, dass sie die Mischung der Generationen und Kulturen fördern und damit auch die Abwanderung ins Umland bremsen. Entsprechende Gestaltungsvorhaben stellen die Nutzer in den Mittelpunkt und setzen auf der Ebene des Stadtquartiers an. Für ihre Umsetzung sind integrierte Planungsverfahren bedeutsam.

Die Lebensqualität in einem Quartier, der Gebrauchswert seiner Angebote und seine städtebauliche Struktur sind zentrale Indikatoren für die Handlungsoptionen des Einzelnen im Alltag. Dabei ist die Gestaltung von Gebäuden und Freiräumen sowie ihre Zugänglichkeit ebenso von Belang wie die Art und Ausstattung gemeinschaftsbezogener Angebote. Die Bedeutung des Stadtquartiers als Ort integrierter Gestaltung steigt in dem Maße, wie die segregierten Stadträume der industriellen Moderne durch die tief greifenden Veränderungen der Arbeitswelt ihre Funktionalität und Attraktivität verlieren. Dass hier Handlungsbedarf besteht, haben zuletzt die Bauminister der Europäischen Union festgestellt:

"Die Qualitäten von öffentlichen Räumen, urbanen Kulturlandschaften und von Architektur und Städtebau spielen für die konkreten Lebensbedingungen der Stadtbewohner eine zentrale Rolle." (Leipzig-Charta, S. 4)

Veränderte Ansprüche

Der demografische Wandel und die Ausdifferenzierung von Lebensstilen tragen dazu bei, dass das Stadtquartier Gegenstand eines kontinuierlichen Veränderungsprozesses ist. Der Rückgang der Industriearbeit, flexible Arbeitsverhältnisse und die Durchsetzung neuer Technologien führen dazu, dass die Anforderungen an das Wohnen, an öffentliche Räume sowie an soziale Einrichtungen und technische Infrastruktur sich grundlegend verändert haben. Dies erfordert die Entwicklung einer komplexen, nachfrageorientierten und flexiblen Angebotsstruktur, die dann entsprechend der konkreten Bedürfnislagen in den Stadtquartieren jeweils neu ausgehandelt werden muss. Dabei sind alle wichtigen Akteure einzubeziehen.

Vielfalt der Stadtquartiere

Am Stadtrand Am Stadtrand (Quelle: Pixelio.de )

Stadtquartiere sind ebenso heterogen wie die Interessen ihrer Bewohner. Gründerzeitliche Innenstadtquartiere  zählen dazu ebenso wie Großsiedlungen am Stadtrand, Werkssiedlungen der 1950erebenso wie Einfamilienhausgebiete der 1970er-Jahre. Angesichts der skizzierten neuen Anforderungen besitzt jeder dieser unterschiedlichen Quartierstypen neben Stärken auch ernst zu nehmende Schwächen. In den Innenstadtquartieren fehlt vielfach das Grün, und die Menschen klagen über die Verkehrsbelastung, in den Großsiedlungen stört die Anonymität und das fehlende kulturelle Angebot, die Bauweise der 1950er-Jahre wird heutigen Vorstellungen von Komfort nicht mehr gerecht, und die Einfamilienhaussiedlungen leiden beispielsweise an der mangelnden verkehrlichen Anbindung. Bestimmte Quartierstypen sind mehr als andere möglichen Polarisierungs- und Segregationstendenzen ausgesetzt, denen insbesondere durch die Verbesserung der sozialen Infrastruktur, aber auch durch neue Wohn- und Freiraumangebote offensiv entgegengewirkt werden kann.

Stadtquartiere für Jung und Alt

Gerade für Ältere und für Familien mit Kindern sind Quartiere besonders attraktiv, die dem Leitbild einer Stadt der kurzen Wege entsprechen. Kulturelle Vielfalt und die Nähe zu Angeboten des täglichen Bedarfs sind Faktoren, die von vielen geschätzt und individuell genutzt werden. Eine kompakte Nutzungsmischung sorgt aber auch für eine gute Auslastung vorhandener Infrastruktur, für effizienteren Umgang mit Energie und für eine Reduktion des Mobilitätsaufwandes. Durch die Konzentration auf Innenentwicklung statt Außenentwicklung wird der Flächenverbrauch der Städte reduziert. Auch deswegen ist die Orientierung aufs Quartier eine wesentliche Strategie einer ressourcenschonenden, nachhaltigen Stadtentwicklung.

Neue Planungskultur

Eine nachhaltige Entwicklung erfordert eine Planungs- und Baukultur, die Ressortgrenzen überwindet, auf Akzeptanz und Aktivität vieler Akteure baut und sich nicht scheut, bestehende Regularien infrage zu stellen, wo sie bei der Erreichung der gesteckten Ziele hinderlich sind. Das Stadtquartier als Handlungsebene ist der optimale Erfahrungsraum für die Anwendung veränderter Planungs- und Beteiligungsverfahren. Im Quartier lassen sich unterschiedliche Trägerkonstellationen testen. Es ist groß genug, um eine kritische Masse von Akteuren beteiligen zu können, und gleichzeitig klein genug, um Engagement nicht in Unübersichtlichkeit und Anonymität versacken zu lassen. Die Schaffung adäquater urbaner Räume wird in der Leipzig-Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt als Gemeinschaftsaufgabe der Planungsinstanzen, der Wirtschaft und der Bürger beschrieben. Das Stadtquartier ist das Experimentierfeld, in dem sich all diese Akteure vernetzen und gemeinsam kreative Projekte entwickeln können.

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